Als Jurist schüttelt man immer wieder den Kopf über Otto-Normalverbraucher. Kommt doch die kleine Tochter unserer Nachbarn zu uns und möchte sich Zucker leihen.
Ich hab‘ dann mal kritisch nachgefragt, wann ich denn die weiterhin verschlossene Zuckerpackung zurückbekomme und was sie überhaupt damit anstellen wolle. Den Tränen nahe, teilte sie mir mit, sie wolle damit Plätzchen backen. Offenbar war dieses Gör von ihren Eltern sprachlich völlig verzogen worden. Ich habe sie dann auf den richtigen Weg der Semantik gebracht und ihr mitgeteilt, dass sie, wenn sie Plätzchen backen wolle, nach einem Zucker-Darlehen fragen müsse. Ich hatte diese wichtige Ausführung noch nicht zu Ende gebracht, als das heulende Kind mich verließ, um die Nachbarn vermutlich ebenfalls unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dazu zu bringen, Zucker herauszugeben.
Aber die Ungenauigkeit ist kein neues Phänomen: Bereits in den Achtzigern wurde ich schief angeguckt, als ich in der neu eröffneten Videothek meines Heimatortes eine Familie antraf, die sich mal eben einen schönen Film „leihen“ wollte. Nein, habe ich entrüstet ausgerufen, man könne hier keine Videokassetten leihen, nur mieten. Die Familie entfernte sich schnell von mir, was mir aber egal war. Sie werden schon gemerkt haben, dass ihnen die Videokassette nicht kostenlos für einen gewissen Zeitraum überlassen werden würde. Noch heute muss ich mich wundern, dass sich seit den Achtzigern offenbar hinsichtlich der sprachlichen Genauigkeit nichts verändert hat. Früher hätte ich empfohlen, sich in der örtlichen Stadtbibliothek doch einmal ein Rechtswörterbuch zu leihen. Mittlerweile kostet das aber auch Geld, und wenn ich darauf hinweise, man könne sich ja in der Bücherei ein Rechtswörterbuch mieten, ernte ich nur unverständliches Kopfschütteln. Ich sag‘ am besten gar nichts mehr!
Erschienen im Juni 2025 bei der DEGA Galabau, Das Magazin für den Garten- und Landschaftsbau. DEGA Galabau im Internet.